Die Partnerschaft von Administration Intelligence AG und Eye-Able (Teil 2)

Lesedauer: 13 Minuten

24. Okt. 2022

Interview mit Oliver Greiner von Eye-Able

 

Einfach. Besser. Barrierefreiheit. – So könnte man unseren Claim Einfach. Besser. Beschaffen. abwandeln, wenn es um die Partnerschaft mit Eye-Able geht. Denn sie sorgen mit ihrer Software für mehr Inklusion auf Web-Oberflächen.

Im Folgenden erfahren Sie mehr zu den Vor- und Nachteilen der Softwares sowie zu unserer zukünftigen Partnerschaft.

 

Im ersten Teil des Interviews hast Du uns von Deinem Freund Lennart mit einer genetisch bedingten Sehbehinderung erzählt. Welchen Menschen hilft die Software noch?
Die Softwareanwendungen helfen theoretisch jeder Person – ob mit oder ohne Behinderung. Denn jeder kann davon profitieren, die Ansicht an seine individuellen Bedürfnisse anzupassen.

Wir können uns beispielsweise einen perfekten Blaufilter einstellen oder einen Nachtmodus aktivieren. Wir können auch den Kontrast ändern, wenn es uns zu hell ist, oder Bilder ausblenden, wenn uns die Werbung zu sehr nervt. Das sind alles Punkte, die auch Menschen ohne Behinderung darin unterstützen können, ein bestmögliches Nutzererlebnis zu bekommen.

Aber wer zwingend darauf angewiesen ist, sind einerseits Menschen mit Sehbehinderung. Es gibt ein riesiges Spektrum an verschiedenen Möglichkeiten, die alle auch miteinander in Verbindung stehen können. Man kann beispielsweise eine Restsehfähigkeit unter zehn Prozent, zusätzlich Gesichtsfeldausfall, eine Farbschwäche und Lichtempfindlichkeit haben. Das sind alles verschiedene Komponenten, die zu beachten sind.

Auf der anderen Seite haben wir Menschen mit Sehschwächen im Bereich der Farbwahrnehmung. Jeder zehnte Mann hat eine Rot-, Grün- oder Blauschwäche. Das heißt nicht, dass alle davon farbblind, sondern farbschwach sind. Viele können damit normal leben, aber sie können bestimmte Kontraste nicht gut erkennen. Gerade bei interaktiven Flächen und Formularen ist das spannend, denn Fehlerausgaben werden bekanntlich häufig mit Rot oder Grün gekennzeichnet. In Verbindung mit dem falschen Hintergrundkontrast führt das dazu, dass sie nicht sichtbar sind. Durch unseren Filter können Farbunterschiede wieder besser sichtbar gemacht werden.

Wir bieten auch Unterstützung für ältere Menschen. Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. Das ist auch für den öffentlichen Bereich ein wichtiger Faktor, denn alles wird digitalisiert und soll digital ablaufen. Selbst die Beantragung des Personalausweises wird mittlerweile auf den digitalen Weg umgestellt.

Außerdem helfen wir Menschen mit Epilepsie, die Trigger-Erfahrungen ausgesetzt sind. Das vergessen viele Webseitenbetreiber, wenn sie irgendwelche besonderen Pop-Ups oder Ähnliches gestalten. Diese Funktionen kann man bei uns unterdrücken.

Zuletzt verwenden Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, also z. B. Lese-Rechtschreibschwächen unsere Lösungen. Dabei geht es nicht um Personen, die den Inhalt nicht verstehen, sondern wirklich Probleme haben, überhaupt einen Fließtext zu lesen. Wir dürfen nicht vergessen, dass fast 7% der Menschen in Deutschland Analphabeten sind.

Das sind auf jeden Fall einige Personengruppen, denen mit Euren Softwareanwendungen geholfen werden kann. Welche Vorteile ergeben sich den Nutzerinnen und Nutzern, die eine Website mit Euren Lösungen besuchen? Vor allem für den öffentlichen Dienst ist das Thema vermutlich von Interesse, da dort jede Person barrierefreien Zugang haben sollte.

Die Vorteile der Assistenztechnik liegen darin, dass Du eine Webseite an Deine individuellen Bedürfnisse anpassen kannst. Unser Prinzip ist: Stell Dir Deine Seiten-Ansicht gemäß Deinen individuellen Bedürfnissen und/oder Beeinträchtigungen ein.

Generell ist der Vorteil, den wir bieten, dass Du wirklich die Ansicht an die Situation, in der Du Dich gerade befindest, anpassen kannst. Das heißt, Du hast keinen Standard, mit dem Du zurechtkommen musst, sondern kannst sogar tagesorientiert arbeiten.

Weiterhin haben wir Gesetze für den öffentlichen Bereich. Das heißt, die Gesetzgebung der Bundesregierung und Europa versuchen schon den Druck aufzubauen und einen gewissen Standard an Barrierefreiheit herzustellen durch die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0).

Meiner persönlichen Meinung nach ist dieser Standard sehr wichtig und unabdingbar, um überhaupt mal etwas zu schaffen., Aber er ist keine Lösung für individuelle Probleme. Standard ist für mich wie ein Sieb, in dem einige hängen bleiben aber viele Leute durchsickern.

Aber weil diese Rechtskomponente wichtig ist, haben wir, neben der Assistenztechnik, hierfür die Prüfsoftware entwickelt, die den Code einer Webseite prüft. Es werden Codezeilen ausgegeben, die man ändern muss, um konform zu sein.

Kommunale Websites sind natürlich auch der Ort, wo sich der Querschnitt der Gesellschaft trifft, weil alle Menschen Zugang zu diesen Informationen brauchen. Deshalb ist es auch menschlich wichtig, vor allem diese Seiten barrierefrei zu gestalten, da wir sonst verhindern, dass Menschen selbstständig arbeiten und leben können.

Das Sieb ist ein super anschaulicher Vergleich. So wie jeder Mensch individuell ist, sollten auch seine oder ihre Bedürfnisse und Umstände für gleiche Chancen beachtet werden. Dafür ist Eure individuelle Anpassung natürlich optimal. Aber gibt es denn auch Nachteile? Da wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten…

Ein möglicher Nachteil könnte sein, davon auszugehen, dass durch eine Integration dieser Software alles perfekt barrierefrei ist. Barrierefreiheit zu 100% zu erreichen, ist eigentlich unmöglich. Du kannst nur versuchen, es möglichst gut zu machen und möglichst viele Menschen mitzunehmen. Man muss immer schauen, dass man die Konformität herstellt, aber trotzdem gibt es noch weitere Aspekte zu berücksichtigen, indem man beispielsweise Gebärdensprache bei Videos hinzufügt und Leichte Sprache verwendet. Ich würde dementsprechend sagen, dass es kein Nachteil ist, aber ein Hinweis, den ich immer geben möchte: Mit uns kann man schon sehr viel tun, aber man ist damit nicht am Ende seiner Reise angekommen. Das ist auch unsere Aufgabe, die wir als Unternehmen immer sehen, wenn wir mit Organisationen zusammenarbeiten: Wir sind eine Art „barrierefreies Tor“, das geöffnet wurde und wenn sie irgendetwas brauchen, können sie zu uns kommen. Wir vernetzen oder machen es selbst und sind damit ein Ansprechpartner.

Das Thema „Barrierefreiheit“ ist sicher sehr umfangreich und kann vermutlich nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Du hast die „Leichte Sprache“ erwähnt, habt ihr dazu auch eine Funktion?
Wir forschen an dem Thema „Leichte Sprache“ und wollen das automatisiert lösen, weil wir nur so eigentlich einen wirklichen Vorteil für Betroffene sehen. Aktuell hast Du das Problem, dass Leichte Sprache nur als eine Unterseite auf der Webseite vorhanden ist, wo beispielsweise Text steht, der den Inhalt widerspiegeln soll. Wir wollen einen Code entwickeln, der in der Lage ist, Text in Leichte Sprache zu übersetzen, indem er ihn analysiert, schwierige Wörter und Satzstrukturen austauscht, grammatikalisch neu ausrichtet und somit in eine einfache Satzstruktur umwandelt. Das ist auch definitiv möglich, die Technik ist schon so weit. Wir arbeiten auch mit verschiedensten Unternehmen zusammen, die Expertise haben, um das schnellstmöglich durchzusetzen. Wir stellen uns die Funktion als neuen Knopf „Leichte Sprache“ vor, dann kann man den Text markieren, der dann übersetzt wird.
Unglaublich, was heute alles möglich ist. Gibt es noch weitere Ideen für die Zukunft von Eye-Able?

Ja, wir wollen die BITV-Prüfsoftware erweitern und noch besser machen. Zum Beispiel, soll sie erkennen, wie der Tabfluss einer Seite ist; also, wie man die Seite mit der Tastatur bedient. Wir wollen Hinweise geben, um nicht nur konform zu sein, sondern darüber hinaus zu gehen.

Zusätzlich wollen wir noch mehr auf die blinde Nutzergruppe eingehen, weil zum Beispiel Cookie-Banner und Captures weiterhin Probleme machen. Viele Websites sind barrierefrei, installieren sich dann aber einen Cookie-Banner, der nicht barrierefrei ist. Aber das ist die Eintrittshürde, um die Website zu betreten. Wenn der Nutzer oder die Nutzerin nicht mit der Maus oder Tastatur auf den „Akzeptieren“-Button springen kann, hat er oder sie keine Möglichkeit, die Website zu bedienen.

Auf der anderen Seite wollen wir mehr schulen, also aus einem Fehler direkt eine Lösung generieren. Wir wollen den Menschen, die an der Webseite arbeiten, zeigen, wie beispielsweise ein korrekter Alternativtext zu einem bestimmten Bild oder eine richtige Überschriftenstruktur für einen bestimmten Artikel aussieht. Unsere Techniken sollen das Know-how an den verschiedenen Stellen bereitstellen, um auf lange Sicht das Thema selbstverständlich zu machen. Aktuell sind Webseiten nicht barrierefrei; man muss sie jetzt im Nachgang ändern. Ziel sollte es aber sein, dass immer schon von Anfang an mitgedacht wird. Deshalb bieten wir auch Workshops an, beraten Unternehmen und zeigen den Redakteuren, was sie beachten müssen.

Ja, wenn man direkt alle Menschen einbezieht, kann man für mehr Inklusion sorgen. Ich habe auch schon oft gehört, dass Alternativtexte zur Suchmaschinenoptimierung „missbraucht“ werden. Es ist also hilfreich, wenn ihr Webseitenbetreiber schult und Eure Lösungen und helfen, richtige Texte zu formulieren. Gab es denn vor Euren Lösungen überhaupt schon Abhilfen?

Ja definitiv, es gibt browser- und systemseitige Lösungen. Man kann beispielsweise eine Assistenztechnik auf seinem Rechner installieren; bei Microsoft Edge gibt es ebenfalls Einstellungsmöglichkeiten.

Das Problem hierbei ist aber, dass die Einstellungsmöglichkeiten bereits eine Hürde darstellen. Außerdem muss man diese für jede einzelne Seite neu konfigurieren und sie sind nicht auf die individuelle Situation angepasst. Wir vergleichen das immer mit einem Rollstuhl. Wenn der Rollstuhl im dritten Stockwerk steht, und es keinen Aufzug gibt, dann ist Deine Hilfe zwar da, aber sie bietet Dir keine wirkliche Abhilfe.

Das stimmt, deshalb freuen wir uns nun, mit Eurer Hilfe tatsächlich Abhilfe zu schaffen und für eine barrierefreie Zukunft zu sorgen.

Auch an dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an Oliver Greiner für das offene Gespräch.

Autorin: Leonie Oerter

Marketing und Vertrieb