Barrierefreiheit als Herzensangelegenheit und Geschäftsmodell (Teil 1)

Lesedauer: 10 Minuten

17. Okt. 2022

Interview mit Oliver Greiner von Eye-Able

„Barrierefreiheit zu 100% zu erreichen, ist eigentlich unmöglich, Du kannst nur versuchen, es möglichst gut zu machen und möglichst viele Menschen mitzunehmen.“ Das erklärt mir Oliver Greiner bei unserem Interview zu Eye-Able in unserem Büro der AI AG. Der Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens Web Inclusion GmbH hat E-Commerce an der FHWS in Würzburg studiert und kam durch persönliche Erfahrungen dazu, sich mit dem Thema „Barrierefreiheit“ auseinanderzusetzen. Im Folgenden erfahren Sie mehr zu seiner Geschichte, den Entwicklungen und zu den Reaktionen.

 

Wie bist Du auf die Idee gekommen, den Zugang zu Web-Oberflächen zu vereinfachen?

Begonnen hat das Ganze bereits in meiner Kindheit. Während meiner Schullaufbahn hatte ich einen sehr guten Freund, Lennart, der mittlerweile mein bester Freund ist. Lennart hat eine genetisch bedingte Sehbehinderung, die sich darin auswirkt, dass sich seine Netzhaut im Laufe seines Lebens immer weiter ablöst. In der siebten Klasse konnte er nicht mehr die Tafel ablesen. Da ich sein Banknachbar war, habe ich das für ihn übernommen. Wir saßen nebeneinander und ich habe ihm jedes Wort vorgelesen. So wurde ich für dieses Thema sensibilisiert.

Respekt erst einmal, dass Du Deinem Freund da so geholfen hast. Ich denke, das ist nicht selbstverständlich. Wie ging es dann weiter?

Wir haben trotzdem beide das Abitur geschafft, im Deutschhaus, hier gleich um die Ecke (Oliver schmunzelt). Lennart hat angefangen Chemie zu studieren und ich E-Commerce. Das Problem bei Lennart: Seine Sehbehinderung war bereits soweit fortgeschritten, dass er eigentlich nicht mehr klargekommen ist. Er hat die Professoren gefragt, ob sie ihm das Skript vor der Vorlesung zur Verfügung stellen. Das haben die meisten leider nicht gemacht – so dass er irgendwann so frustriert war, dass er aufgehört hat zu studieren. Schließlich ist er zum Berufsförderungswerk in Veitshöchheim gekommen. Das ist ein Ort, wo Menschen mit Sehbehinderung, die quasi den normalen Berufsweg nicht schaffen, aufgefangen und in alternative Berufswege einsortiert werden.

Das ist wirklich schade, dass Lennart nicht die Unterstützung bekommen hat, die er gebraucht hätte, um zu studieren. So geht es vermutlich auch noch vielen anderen Betroffenen. Aber dass es an der Umsetzung scheitert, sollte eigentlich keine Option sein, denn die Menschen können genauso – vielleicht sogar noch bessere – Leistungen erbringen wie jemand, der keine Probleme hat. Es sollte einfach für jeden möglich sein, selbstständig zu handeln und unabhängig zu sein.

Ja absolut, ich bin durch Lennart zu einem intensiven Kontakt mit dem Institut in Veitshöchheim gekommen. Dadurch hatte ich Berührungspunkte zu vielen Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Schicksalen.

Da das Thema mich immer mehr interessiert hat, habe ich angefangen zu forschen, welche Probleme diese Leute haben. Ich habe Interviews geführt, habe Aufnahmen gemacht und sie gefragt, welche Probleme sie überhaupt auf Webseiten haben. Da waren Personen dabei mit Farbschwächen, da waren Personen, die hatten Gesichtsfeldausfall – und mir ist damals schon bewusst geworden, wie vielfältig dieses Spektrum an Sehbehinderungen ist. Man redet oft von Menschen mit Behinderungen in Bezug auf Webseiten, aber einem ist gar nicht bewusst, wie viel eigentlich dahintersteckt. Eines der Probleme, was wir eben haben, warum auch Webseiten bis heute nicht barrierefrei sind, ist die Tatsache, dass betroffene Gruppen oft nicht wahrgenommen werden, auch als Zielgruppe nicht.

Da stimme ich Dir auf jeden Fall zu, auch wenn es absolut nicht der Fall sein sollte. Wie hat sich die Idee dann weiterentwickelt?

Ich bin immer weiter und tiefer in die Materie eingetaucht, bis ich dann gesagt habe, da müssen wir jetzt etwas entwickeln, auch aus dem E-Commerce-Aspekt heraus. Ich habe angefangen, mit einem Team an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) weiter zu forschen. Beispielsweise haben wir Eye-Tracking-Analysen gemacht. Das ist eine Forschungsmethode, bei der sich Leute vor Bildschirme setzen und dann die Augenführung beobachtet wird. Als nächstes habe ich geschaut, was hilft, was hilft nicht. Ich habe A/B-Tests mit den ersten Prototypen gemacht und so hat sich das Ganze eigentlich entwickelt.

Sehr interessant. Wie sieht das Team dann heute aus? Sind es immer noch die Personen aus Deiner Studienzeit?

Am Anfang war ich ganz alleine – so ein Einzelkämpfer (lachend). Dann hatte ich ein Team an der Hochschule. Das war aber eher ein Praxisprojekt und die anderen haben mich auch früher oder später verlassen. Sie haben gesagt, sie sehen da nicht wirklich den Mehrwert, weiter dabei zu sein. Aber ich habe an diese Idee geglaubt und auch an die Idee, dass, genauso wie räumliche Barrierefreiheit, irgendwann digitale Barrierefreiheit ein Thema sein wird.

Es ist einfach ein zwingender Faktor, weil die Digitalisierung immer weiter voranschreitet. Das heißt ich war 100%ig sicher, dass das ein wichtiges Thema ist und habe immer weiter gemacht.  Um Unterstützung zu bekommen, habe ich zum Zentrum für Digitale Innovationen (ZDI) Kontakt aufgenommen. Unabhängig vom ZDI habe ich mir aber auch ein Team zusammengesucht, bestehend aus dem heutigen Kerngründerteam. Das setzt sich zusammen aus meinem Bruder Tobias, als Entwickler, Chris, einem sehr guten Freund aus der FHWS, der das Marketing macht und Eric, den ich privat kennengelernt habe und betriebswirtschaftliche Kenntnisse hat. Damit waren wir ein relativ gut aufgestelltes Team, um zu gründen, da wir so alle Expertisen abgedeckt hatten.

Spielt Lennart heute auch noch eine Rolle?

Ja, wir haben mit ihm angefangen zu forschen und er ist auch heute, als Angestellter, Teil des Teams.

Wie war die Reaktion Deines Freundes als Du Dich dafür entschieden hast, daraus ein Geschäftsmodell zu machen?

Gemischte Gefühle würde ich sagen. Zum einen war er ein bisschen skeptisch, ob wir es wirklich hinbekommen etwas zu entwickeln, was ihm weiterhilft. Auf der anderen Seite fand er es natürlich toll, dass wir uns so intensiv mit seiner Zielgruppe beschäftigt haben und auch mit seiner Person.

Aber er war auch eher verwundert. Er hat, glaube ich, bis heute nicht verstanden, warum alle ihn so spannend finden, die in unserer Firma arbeiten. Das liegt daran, dass oft diese betroffenen Personen versuchen, in ihrer Situation klarzukommen und sich möglichst nicht beschweren. Deswegen bekommen auch viele Betreiber von Webseiten teilweise gar nicht mit, dass Menschen Barrieren haben, wenn sie auf ihre Seite stoßen, weil sie es akzeptieren, dass es so ist. Genau das wollen wir verändern.

Das habe ich auch schon häufig so aufgefasst, aber umso schöner ist es, denke ich, dass ihr eine Software bietet, damit betroffene Menschen ihr Problem nicht einfach akzeptieren müssen, sondern wirklich eine Lösung erhalten. Ihr habt auch schon viele Partner und Kunden, wie waren die Reaktionen von diesen denn bisher?

Wir haben von den Blindeninstituten natürlich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen, weil wir dort im Einsatz sind: auf den E-Learning-Umgebungen, auf den Intranet-Umgebungen und zusätzlich noch auf den Websites. Das heißt, auf sämtlichen Oberflächen der Institute sind wir aktiv. Wir haben auch schon auf Seiten getrackt, auf denen viel Traffic ist. Zum Beispiel das Gesundheitsamt in Nordrhein-Westfalen – einer unserer ersten großen Kunden; seit der Corona-Pandemie sind wir dort sehr aktiv – da hatten wir Nutzerzahlen zwischen drei und sieben Prozent. Also 7 von 100 haben interagiert und Funktionen aktiviert, was deutlich mehr ist als wir erwartet hatten. Das zeigt auch, dass das Tool wahrgenommen und verstanden wird. Gerade bei Webshops, bei denen wir integriert sind, haben Leute sogar E-Mails geschrieben und haben sich für die Assistenztechnik bedankt. In diesem Sinne ist das natürlich eine gute Sache, dass es so läuft und das motiviert uns umso mehr, hier Gas zu geben.

Ja, das muss auf jeden Fall eine große Motivation sein, zu sehen, dass Du den Menschen mit Deiner Idee wirklich hilfst. Was motiviert Dich noch, denn Dein Freund war anfangs eher skeptisch?

Das stimmt, ich habe aber nicht nur mit ihm, sondern auch mit vielen weiteren Personen gesprochen, deren Hoffnung ich geweckt habe. Es passiert wahrscheinlich nicht so oft, dass jemand ins Blindeninstitut geht und dann mit den Leuten über ihre Probleme spricht und was man daran besser machen kann. Dementsprechend war diese Emotionalität eine sehr starke Motivation. Deshalb habe ich angefangen, mich sehr stark dafür zu engagieren, etwas zu entwickeln. Das hat natürlich auch Spaß gemacht, weil man sehr schnell Erfolge sieht. Als Lennart dann auch die Technik ausprobiert und gesagt hat, dass es ihm wirklich hilft, war das für uns auch die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Man merkt auf jeden Fall, dass Dich das Thema „Barrierefreiheit“ sehr beschäftigt. Ich vermute – so wie Du von Deiner Geschichte sprichst –, dass die Idee also nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern eben auch eine Herzensangelegenheit ist?

Genau, das war absolut eine Herzensangelegenheit, ist es auch immer noch. Es ist nur der Moment gekommen, wo Du natürlich entscheiden musst, möchtest Du damit etwas erreichen oder nicht. Um etwas zu erreichen, brauchst Du ein Geschäftsmodell – ein funktionierendes wirtschaftliches System – und das haben wir eben versucht uns aufzubauen und sind jetzt da angekommen, wo wir heute sind.

Eine super Sache, wie ich finde. Hoffentlich wird Eure Assistenztechnik vielen Menschen helfen und auf zahlreichen Websites verfügbar sein, um den Zugang für Menschen mit Beeinträchtigungen barrierefrei zu gestalten.

Der Weg zur Barrierefreiheit ist definitiv noch lange nicht zu Ende und wird ein stetiger Prozess bleiben. Dennoch ist es wichtig, wie Oliver Greiner sagt, „es möglichst gut zu machen und möglichst viele Menschen mitzunehmen.“ Denn nur so können wir allen Menschen die gleichen Chancen bieten und für eine inklusive Zukunft sorgen.

Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Oliver Greiner für das interessante und offene Gespräch.

Erfahren Sie in dem zweiten Teil des Interviews mehr über die Technik, Ihre Vor- und Nachteile und unsere gemeinsame Partnerschaft.

 

Autorin: Leonie Oerter

Marketing und Vertrieb